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Was uns trägt

Willkommen zu unserem Erd-Kraftwerk! 

Kein Baum kann leben, wenn seine Wurzeln nicht halten, oder wenn sie keinen Nährstoff erhalten. 
Deshalb haben wir diesen bereich „roots“ getauft. Hier geht es darum, woher unser Glaube seine Nahrung hat. 
Keine billigen Antworten wollen wir geben, uns nicht um kritische Fragen drücken. Sondern wie gewohnt genau hinschauen und lieber länger überlegen, anstatt vorschnell zu urteilen. 
Dahinter steht unser Glaube, dass der Glaube selbst wie das Leben nicht schwarz-weiss ist, sondern sämtliche Farben des Regenbogens beinhaltet. 

Denn nur wer wirklich glaubt, kann sich darauf einlassen, bisherige Überzeugungen in Frage stellen zu lassen, um im Glauben zu wachsen. 

Und darum geht es uns: mit unseren Wurzeln bis an die tiefen Quellen kommen, die „das volle Leben“ möglich machen.


 

Bibel

Bibel Lesen 26

 

Die Bibel – eine Bibliothek

1.1 Ta biblia: Das Buch heisst „die Bücher“
Das Wort Bibel kommt ursprünglich aus dem Griechischen: „ta biblia“ und bedeutet „die Bücher“! 
Irreführend? – Nein, erhellend! 
Denn auch wenn Sie „die Bibel“ als ein einziges riesiges Buch kaufen können, ist die Bibel eigentlich eine volle Bibliothek. 
In einer Bibliothek finden Sie Bücher von verschiedenen Autorinnen und Autoren, und Bücher aus den unterschiedlichsten Zeiten, und Bücher mit den unterschiedlichsten Zielen: Krimis, Kochbücher, Comics, Liedbücher, Gesetze, Fantasy-Romane usw. Das macht das Stöbern in einer Bibliothek oder in einem Buchladen ja so spannend. 
Mit der Bibel ist es ähnlich: Die verschiedenen Bücher der Bibel entstanden innerhalb von mehr als 800 Jahren von den unterschiedlichsten Autoren. Dass wir diese Bibliothek trotzdem einfach „das Buch“ (die Bibel) nennen, hat vielleicht damit zu tun, dass diese Bibliothek als Ganzes unseren Glauben und unsere Kultur bestimmt – bis heute. 
1.2 Eine Bibliothek mit zwei Abteilungen
Die christliche Bibel als Bibliothek hat zwei grosse Abteilungen: 
Das hebräische „Alte“ Testament und das „Neue“ Testament. 
Die Juden beziehen sich ausschliesslich auf ihre hebräische Bibel, das „Alte“ Testament (AT). 
Für Christinnen und Christen kommt das „Neue“ Testament (NT) dazu. Aber die jüdische Bibel – das AT – bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Bibel. Ohne AT gibt es kein NT, ohne das Judentum kein Christentum! Deshalb wäre es eigentlich korrekter, vom „Ersten“ und vom „Zweiten“ Testament zu reden. 

1.3 Eine Bibliothek, bunt wie ein Regenbogen
Die Bibel beinhaltet Bücher aus verschiedenen Jahrhunderten, von verschiedenen AutorInnen und von ganz unterschiedlicher Art. 
Da gibt es zum Beispiel:
- geschichtlich ausgerichtete Bücher (z.B. Bücher der Chronik)
- Gebetsbücher (z.B. Buch der Psalmen)
- Briefe (alle Briefe von Paulus an Gemeinden wie z.B. Römerbrief) 
- erotische Gedichte (Hohelied). 
- Kriegsberichte (z.B. in den Büchern der Könige) neben Friedensvisionen (z.B. bei Jesaja) 
- Weisheitssprüche (z.B. Buch der Sprichwörter) 
- Berichte über das Leben von Jesus von Nazareth (Evangelien). 
Alles in Allem: eine kunterbunte Mischung von Literatur.

1.4 Der Bibliotheksführer, Menschen und ihre Geschichte mit Gott 
Bei allen Unterschieden ist den Büchern dieser Bibliothek jedoch eines gemeinsam: sie erzählen von Menschen, die ihre Geschichte und die Welt nicht als grossen Zufall betrachteten. 
Alles, was ihnen in ihrem Leben widerfuhr – Glück und Leid – brachten sie irgendwie mit dem letzten Grund ihres Lebens in Beziehung – mit Gott. 

2. Wie entstand die Bibel? 

2.1 Aus Erfahrung gewachsen, nicht vom Himmel gefallen 
Die Bibel erzählt davon, wie Menschen an Gott glauben und was sie mit ihrem Glauben erleben. Selbstverständlich wurde die Bibel nicht von Gott geschrieben, sondern von konkreten (gläubigen) Menschen in konkreten Situationen. 
Die Bibel widerspiegelt also den Kontext, halt einfach das Leben, in dem Menschen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort lebten. 
Ist die Bibel deshalb weniger „wahr“? Dazu weiter unter Punkt 6.

2.2 Immer auf der Seite der Kleinen 
Die Bibel entstand zum grössten Teil im geographischen Raum vom heutigen Palästina, ca. zwischen 800 v. Chr. und 130 n. Chr. 
Schon zu dieser Zeit war dieses Gebiet von den Grossmächten (Babylonien, Assyrien, Ägypten, Griechenland, Rom) hart umkämpft, und die Menschen, die dort lebten, wurden immer wieder zum Spielball der Grossmächte. 
Die Geschichten der Bibel erzählen deshalb mehrheitlich aus der Perspektive der Kleinen, Unbedeutenden, Verfolgten und Unterdrückten. 
Und sie tun dies aus der Überzeugung, dass Gott vor allem auf der Seite der Verlierer steht und ein Gott ist, der die Freiheit des Menschen will.

2.3 AT - Vom Lagerfeuer zum Dokument in 600 Jahren
Im Alten Testament findet sich die Glaubenstradition des Alten Israel. Einzelne Geschichten haben ein sehr hohes Alter und wurden wohl an den Lagerfeuern der halbnomadischen Stämme von Generation zu Generation weiter erzählt. Erst relativ spät, so circa ab dem 8. Jahrhundert v. Chr., werden die Geschichten aufgeschrieben. 
586 v. Chr. – Geburtsstunde der Bibel im Exil?
586 v. Chr. erobert Babylon Israel, zerstört den grossen Tempel in Jerusalem und verschleppt die gebildete Oberschicht nach Babylon.
Heute geht man davon aus, dass die verschleppten Juden im Exil von Babylon beginnen, die alten Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben, um die Hoffnung und ihren Glauben nicht zu verlieren.
Nach dem Exil bis ca. 50 v. Chr.  kommen immer neue Texte hinzu, bereits vorhandene werden weiter geschrieben. Sozusagen wie ein Familientagebuch, das von Generation zu Generation weitergeführt wird, indem hinzugefügt, aber auch auf dem Hintergrund von neuen Erfahrungen alte Geschichten umgeschrieben werden. 
Erst um 100 n. Chr. wurde entschieden, welche Schriften nun definitiv zur „hebräischen Bibel“ gehören und welche nicht. Und zwar, in dem man eine Art Hitparade der beliebtesten Bücher bei den jüdischen Gemeinden machte. 
Ab jetzt wurde die hebräische Bibel nicht mehr ergänzt, sondern in immer neuen Werken ausgelegt – bis heute!

2.4 NT – „Jesus lebt“ als Energiebombe 
Das Neue Testament ist in kürzerer Zeit entstanden. Der erste Brief entstand etwa 20 Jahren nach der Hinrichtung Jesu, die Evangelien etwa zwischen 50 und 120 n. Chr.
Wie beim AT war eine Extrem-Erfahrung Ursache davon, dass Schriften entstanden: Jesus, den viele als Lehrer, Propheten oder Messias verehrten, wurde von den verhassten Römern hingerichtet, alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft war am Boden zerstört. 
Doch bald bekannten seine engsten Freundinnen und Freunde, dass Jesus lebe!
Man kann von der Auferstehung halten, was man will: Tatsache ist, dass da in kürzester Zeit aus einem versprengten Haufen enttäuschter AnhängerInnen eine überzeugende und dynamische Glaubensgemeinschaft wuchs. 
Und schnell entstanden im ganzen Mittelmeerraum erste Christengemeinden, gefördert durch den unermüdlich herumreisenden Paulus. 
Diesen Gemeinden schrieb Paulus Briefe, um Fragen und Probleme zu erörtern, um zu ermahnen und zu ermutigen. 
Nach und nach kamen weitere Schriften dazu: vor allem die vier Evangelien, die das Leben und die Person von Jesus ins Zentrum stellten. 
Auch hier kamen viele lange weitererzählte Geschichten in eine schriftliche Form, und die Autoren schrieben ihre Version von Jesu Leben für bestimmte Gemeinden oder Personenkreise. 
Wie schon beim Alten Testament: Mit der Zeit gab es so viele verschiedene Schriften, dass es eine Entscheidung brauchte, welche Schriften als verbindlich gelten. 
Auch hier war eine Art „Hitparade in den Gemeinden“ entscheidend, und im 4. Jahrhundert n. Chr. wurde die definitive Auswahl festgelegt

3. Überblick über die Bücher der Bibel

3.1 Das AT - Alle machen’s anders… 
Wenn Sie verschiedene Bibelausgaben miteinander vergleichen, kann das ziemlich verwirrend sein. Je nach Ausgabe sind nämlich unterschiedliche Bücher mit dabei. 
Die jüdische Traditiongliedert die Bibel nach inhaltlichen Kriterien in drei Bereiche:
• Tora (Weisung): das sind die 5 Bücher Mose (die bei den Juden nach dem ersten Wort, bei den Katholiken nach Inhalten, und bei den Reformierten nach dem fiktiven Autor benannt werden).
• Nebiim (Propheten): alle Bücher von Josua bis 2. Königsbuch und alle prophetischen Bücher.
• Ketubim (Schriften): u.a. Buch der Psalmen, Spruchweisheiten, Hiob, Rut, Ester. 
Die christliche Traditionhat die hebräische Bibel (das AT) anders gegliedert, nämlich so:
• Geschichtsbücher
• Poetische Bücher
• Prophetische Bücher 
Und nach der Reformation haben die Reformierten und die Katholiken nochmals Änderungen vorgenommen. 
Das AT in einer reformierten Bibelausgabe zählt 39 Bücher wie bei den Juden. 
Die Katholikenhaben aber noch einige jüdische Schriften dazu genommen und haben deshalb 46 Bücher.
Um die Verwirrnis noch perfekt zu machen, nennen die Reformierten diese 7 Bücher „Apokryphen“, was aber nichts mit den Apokryphen zu tun hat, die heute so für Aufruhr sorgen.
Ziemlich verwirrend! 
Auch hier hilft das Bild der Bibliothek: Die GGG in Basel hat bestimmt nicht denselben Bücherbestand wie die Gemeindebibliothek von Sissach. Und wo sie dieselben Bücher haben, sind sie bestimmt unter anderen Themen eingeordnet. 

3.2 Das NT – Kleiner und übersichtlicher 
Beim Neuen Testament ist nun alles wirklich viel einfacher, da in allen christlichen Bibelausgaben grundsätzlich dieselben Schriften enthalten sind. Das NT umfasst 27 Schriften in griechischer Sprache, die ca. zwischen 50 und 130 n. Chr. entstanden: 
4 Evangelien, 21 Briefe, dazu Apostelgeschichte und Johannesapokalypse. 
Dass alles aber gar nicht so kompliziert ist, wie es tönt, zeigt am besten eine Übersicht verschiedener Bibelausgaben: 

http://religion.geschichte-schweiz.ch/bibel.html


3.3 Die Apokryphen
Die Apokryphen (wörtlich heisst das „verborgen“) sind Schriften, die es in der „NT-Hitparade“ nicht in die Top 27 geschafft haben. 
Weil viele davon lange verloren waren, eignen sie sich wunderbar für Verschwörungstheorien, Abenteuergeschichten und spektakuläre Filme (wie z.B. Dan Browns „Sakrileg“). 
Die Wirklichkeit ist aber viel banaler. Die Apokryphen sind nämlich schon seit vielen Jahren ganz normal im Buchhandel erhältlich und nicht halb so spektakulär wie oft behauptet. 
Interessant an den Apokryphen ist, dass sie das Denken kleiner Sekten aus dem 2. bis 4. Jahrhundert widerspiegeln und so viel zum Verständnis einer längst vergangenen Zeit beitragen. 

Bibel für Fortgeschrittene: 

Hier eine kleine Auswahl interessanter Seiten, wo du z.T. auch die Originaltexte nachlesen kannst: 
http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Apokryphen.html
http://www.user.uni-bremen.de/~wie/nt-apokrypha.html

„Ist die Bibel wahr?“ haben Sie sich vielleicht auch schon gefragt. Und möglicherweise haben Sie sich im Blick auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Weltentstehung gesagt: Nein, sie kann nicht wahr sein!  

4.1 „Historische“ Wahrheit und die „Glaubens-“Wahrheit 
Wer nach der Wahrheit der Bibel fragt, meint häufig die Ebene historischer Wahrheit. Das heisst dann landläufig: Die Bibel „wörtlich“ nehmen. 
Die Bibel ist nach diesem Verständnis „wahr“, wenn die Schöpfung ein naturwissenschaftlicher Tatsachenbericht, wenn die Jungfrauengeburt ein medizinischer Befund, wenn die Vermehrung von Brot und Fischen ein verblüffendes Zauberstück wie bei Harry Potter ist. Wahr meint dann eine Wahrheit wie die der Sportresultate in der Montags-Zeitung.
Die Autoren der Bibel berichten aber nicht von den Lottozahlen, sondern sie erzählen Geschichten. 
Wie dieses Beispiel: ein Kind rennt vor ein Auto und kommt mit einer kleinen Schramme davon! Die Mutter schreibt in einem e-mail an eine Freundin: Meine Tochter hatte einen Schutzengel! 
Ist das nun wahr oder nicht? Physikalisch gesehen kann man den Bremsweg des Autos berechnen und das Ereignis hat nichts Aussergewöhnliches an sich.
In den Augen der Mutter jedoch, in ihrem ganz persönlichen Erleben geschah etwas Wunderbares: das Kind hätte auch tot sein können! Sie erfuhr, dass ihr Kind beschützt war! 
So gesagt, beschreibt die Bibel eben keine Bremswege von Autos, sondern Landepisten von Engeln. 


4.2 Wieso-wann-wer-wem - Wahrheit 
In einem e-mail können wir zurückfragen: „Wie meinst du das genau? Das hab ich noch nicht verstanden!“
Bei alten Texten wie der Bibel sind keine schnellen, klärenden Nachfragen möglich. Die wenigsten der biblischen Bücher erklären die Situation und den Anlass, warum sie geschrieben sind. Sie erklären auch nicht, wann sie entstanden, wer sie geschrieben hat und vor allem für wen sie gemeint sind. 
Genau das muss in sorgfältiger Kleinarbeit rekonstruiert werden, wenn man das wieso-wann-wer-wem verstehen will. 

4.3 Die tiefere, andere Dimension von Wahrheit 
Es gibt aber auch eine entscheidende biblische Wahrheit, für die man nicht Theologie studieren muss.
Und zwar ganz einfach darum, weil die Bibel Geschichten erzählt. 
Und auf dieser Ebene „funktioniert“ Wahrheit ähnlich wie bei jeder guten Geschichte, die man versteht, ohne sie analysieren zu müssen. Bei „Harry Potter“ und „Star Wars“ genau so wie bei „Matrix“ und „Sakrileg“, und genau so wie bei Grimms Märchen. Weil es dabei immer um menschliche Erfahrungen geht, die jeder Mensch kennt, und mit denen jeder Mensch umgehen lernen muss. 
Ist damit die Bibel weniger wert? Nein, sie ist mehrwert, weil es im Leben (und Glauben) um mehrgeht als um das Wahrheits-Niveau von Sportresultaten und physikalischen Erscheinungen.
Ja, die Bibel ist wahr:
"Schöpfung“ wird so zur Antwort auf die Frage: Worin besteht der tragende Grund unseres Lebens? 
Die Jungfrauengeburt wird zur Antwort auf die Frage: Wes Geistes Kind ist Jesus? 
Die Brotvermehrung wird zur Antwort auf die Frage: Was muss geschehen, damit alle genug zum Leben haben? 

4.4 Die Wahrheit liegt im Dialog
Die Bibel hätte nie zu einem 2000-Jahre-langen Bestseller werden können, wäre sie nicht so offen geschrieben worden.
Offen, das heisst aber auch:
Die Texte müssen immer wieder neu interpretiert und gedeutet werden. Jede Auslegung muss sich im Dialog mit anderen Standpunkten bewähren, behaupten, begründen. 
Im besten Sinne des Wortes: wir müssen ringen um das „jetzt richtige“ Verständnis. 
Ein Kriterium für die „Wahrheit“ in der Deutung ist für uns: 
- Wie viel ist vom befreienden und lebenschaffenden Geist zu spüren? 
- Trägt die Auslegung dazu bei, Kindern, Jugendlichen, Männern und Frauen in allen Teilen der Welt zu einem Leben in Gerechtigkeit und Würde zu verhelfen
Aber schon das ist eine persönliche Entscheidung, die wir miteinander diskutieren müssten! 

5. Bibel-Links 

Sie wollen mehr über die Bibel wissen? Dann finden Sie im Internet jede Menge gut gestalteter Seiten. Hier eine kleine Auswahl: 
Bibel Basics:

- Bibelwissen online:

http://www.basisbibel.de/

Bibelquiz:
- Ragazer Bibelquiz (mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad):
www.ragazer-bibelquiz.ch/bibelquiz.php
- Du gehst auf eine Expeditionsreise mit einem leicht verstreuten Professor: http://www.ekd.de/spiele/44280.html

Die Bibel online:
Sie wollen online in der Bibel lesen, nach einer bestimmten Stelle, einen bestimmten Text oder auch nur ein bestimmtes Wort suchen? 
- Einheitsübersetzung mit Volltextsuche http://theol.uibk.ac.at/leseraum/bibel/
- Lutherbibel www.bibel-online.net/Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984 mit einer guten Suchfunktion. 

Special:
- Die „Volxbibel“will die Bibel radikal in heutige Sprache und heutige Bilder übertragen – aufgebaut wie eine Mischung aus Open Source und Wikipedia, wo jedeR seine eigenen Inspirationen zur Bibelübersetzung beitragen kann:
www.volxbibel.de

Hanspeter Lichtin 
Thierry Moosbrugger 

 

Jesus

Einleitung 
Jesus hat selber keine Bücher geschrieben. Fast alles, was wir von ihm wissen, haben Anhänger von ihm 30-50 Jahre nach seinem Tod verfasst – da ist grundsätzlich keine wissenschaftliche Objektivität zu erwarten.
Zurecht könnten Sie fragen: Der wichtigste Mensch der westlichen Kultur, und vielleicht alles erfunden? Milliarden von Christen, und man weiss historisch fast nichts? Das ist für viele heutige Menschen erst mal eine harte Nuss. 
Aber eben: Glaube ist nicht Wissen. Glaube heisst Gottvertrauen, und die Wahrheit der Bibel ist nicht die Wahrheit der Lottozahlen. 
Also laden wir Sie ein, mit uns genauer hinzusehen, was wir über Jesus sagen können.

1. Die Person Jesu
1.1  Hat Jesus überhaupt gelebt?
1.2. Der Name „Jesus der Nazoräer
1.3. Wann und wo ist Jesus geboren?
1.4. Jungfrau?
1.5. Jesu Todesdatum
1.6. Familie
1.7. Ausbildung, Beruf

2. Jesu Wirken: das Reich Gottes in Worten und Taten
2.1. Das Reich Gottes: Hier und Jetzt
2.2. Wunder: „Dein Glaube hat dich gerettet“
2.3. Bibel-Auslegung
2.4. Jesus und die Politi

 3. Jesu Sterben und Auferstehung
 3.1. Der Prozess gegen Jesus
 3.2. Die Kreuzigung
 3.3. Jesus lebt!

4. Jesus, der Christus und die radikal neue Sicht

1. Die Person Jesus

1.1 Hat Jesus überhaupt gelebt?
Wenn man „neutrale“ Aussagen über Jesus erhalten will, dann sind wir auf die Berichte der Römer angewiesen. Sie waren die Weltmacht jener Zeit und schrieben alles auf, was in ihrem Reich geschah. Aber die Römer schrieben so gut wie nichts über das Leben von Jesus. Zwei Geschichtsschreiber berichten lediglich, dass Jesus „der Christus genannt wird“, gekreuzigt wurde, und dass den Christen 64 n. Chr. die Schuld am Brand Roms gegeben wurde.

Vor etwa 250 Jahren begannen auch nichtkirchliche Wissenschaftler zu untersuchen, ob Jesus wirklich gelebt hat. Dank den Erkenntnissen aus Archäologie und Sozialgeschichte ist es heute sicher, dass Jesus wirklich gelebt hat. 
Und ausgesehen hat er nach neusten Erkenntnissen etwa so wie auf dem Bild links. Die Darstellungen von einem weissen(!) Jesus im Hippie(!)-Style, wie er auf fast allen Darstellungen erscheint, istdürfteglatte Fantasie sein. 

1.2 Der Name „Jesus der Nazoräer“
„Jesus“ bedeutet auf hebräisch „Gott rettet“. Zwar gehen viele Forscher davon aus, dass Jesus tatsächlich in Nazareth lebte. Beim Titel „Jesus der Nazoräer“ sind jedoch etliche der Ansicht, dass „Nazoräer“ nicht auf Jesu Heimatstadt bezogen ist. Es gibt zwei Vermutungen, was damit gemeint war: 
Das Wort könnte darauf hinweisen, dass Jesus als „Bibel-Lehrer“ tätig war („nazar“ bedeutet „Hüter über die Torah“). Da er damit in das nähere Umfeld der Pharisäer gerückt worden wäre, dürfte das Lukas peinlich gewesen sein, weshalb er das Wort „Nazoraios“ umdeutete. 
Die meisten Ausleger sehen „Nazoräer“ als Anspielung auf das Wort „Spross“ (nezer). Dies würde unterstreichen, dass Jesus letztlich von König David abstammte, was wiederum wichtig war, um Jesus als Messias zu legitimieren, der von den Juden erwartet wurde.


1.3 Wann und wo ist Jesus geboren? 
Jesus ist „vor Christus“ geboren!
Man könnte meinen, dass Jesus doch im Jahr 0 geboren worden sein müsste. Doch dies ist ein Rechenfehler der frühen Kirche. Schon die Urchristen haben nicht gewusst, wann genau Jesus geboren wurde, und die Angaben, welche Matthäus und Lukas in ihren Geburtsgeschichten nennen, stimmen weder untereinander noch mit den historischen Daten überein.

Geschichten, nicht Geschichte
Logisch, Die Evangelisten wollten ja keine historischen Fakten, sondern die Geschichte über die Geburt des Messias erzählen. Deshalb haben sie viele Symbole in ihre Erzählungen eingebaut, die dieses Anliegen unterstützen. (siehe Abschnitt „Was ist Wahrheit?“ im Bereich Bibel) 
Der Kindermord von Bethlehem zum Beispiel wäre historisch sicher belegt, wenn es ihn wirklich gegeben hätte. So erinnert er aber an den Kindermord in Ägypten, was der Anfang von der Befreiung der Juden aus der Sklaverei war. Damit wird Jesus auf eine Höhe mit Moses gesetzt. 
Nach Matthäus wurde Jesus vor dem Tod von Herodes dem Grossen (4 v.Chr.) geboren, nach Lukas bei der Volkszählung von Quirinius, der jedoch erst 6 n.Chr. Statthalter wurde. 

Betlehem oder Nazareth?
Da nach biblischer Weissagung der Messias in Bethlehem geboren werden sollte, war klar, dass die Evangelisten Jesus dort das Licht der Welt erblicken liessen. Sehr wahrscheinlich wurde Jesus aber in Nazareth geboren, wo seine Familie lebte, oder in Kafarnaum, wo er oft wirkte. Die vier Evangelien berichten nur über Jesu letzte Lebensjahre. Das erste öffentliche Auftreten dürfte im Jahr 28 n. Chr. gewesen sein, als er etwa 30 Jahre alt war.

1.4 Jungfrau? 
„Das hat nichts mit Menschen zu tun“
Der Stammbaum beim Evangelisten Matthäus betont die väterliche Abstammung von Josef, die bis zu König David zurückkonstruiert wird. Auch bei der „Zeugung durch den Heiligen Geist“ geht es zuerst nicht um Biologie. 
Vielmehr wird die direkte Verbundenheit von Jesus mit Gott betont: so etwas Aussergewöhnliches wie Jesus, das ist absolut „abnormal“, wollen die Evangelisten sagen
„Jungfrauengeburten“ kommen übrigens auch in den griechischen und römischen Göttermythen immer mal wieder vor.

Von der „jungen Frau“ zur „Jungfrau"

Wie oft wird auch bei der Geburt Jesu auf das Alte Testament verwiesen: „denn es heisst: eine junge Frau wird den Messias gebären“, spricht der Prophet Jesaja. 
Dabei wird das hebräische Wort „almah“ verwendet, das „junge Frau“ bezeichnet. In der griechischen Übersetzung finden wir dann das Wort „parthenos“, das sowohl „junge Frau“ als auch „Jungfrau“ bedeutet kann. Und in der lateinischen Übersetzung etwa 150 nach Jesu Tod entschieden sich die Schreiber schliesslich für das Wort „virgo“, das nur „Jungfrau“ bedeutet. 

Ein uneheliches Kind?

Es gibt auch Thesen, dass Jesus ein uneheliches Kind und sein leiblicher Vater ein römischer Soldat gewesen sein könnte. Auch wenn das eine Spekulation ist, würde es die theologische Aussage noch zuspitzen, dass „skandalöse Lebensformen“ für Gott kein Hindernis sind…

1.5 Jesu Todesdatum
Sicher ist, dass Jesus unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde, also zwischen 26 und 35 n. Chr. Alle vier Evangelien berichten, dass er an einem Freitag gekreuzigt wurde, am 14. oder 15. Tag des Monats Nisan. Dies trifft auf die Jahre 30, 31, 33 und 34 zu. Die meisten Forscher halten das Jahr 30 für die wahrscheinlichste Variante, weil Paulus bereits zwischen 32 und 35 n.Chr. bekehrt wurde. Jesus wurde also zwischen 30 und 40 Jahre alt.

1.6 Familie 
Jesus war nach den Berichten der Evangelisten das erste Kind von Maria und Josef, die beide aus Nazareth stammten. Nach den Berichten der Bibel war die Familie eine Zeit lang Flüchtlinge, als sie vor Herodes fliehen mussten. Die Bibel nennt vier Brüder und mehrere Schwestern von Jesus; da aber im Judentum auch nahe Verwandte als „Brüder“ bezeichnet werden, könnte es sich dabei auch um Halbschwestern oder Cousins handeln. Jesus hatte eine sehr distanzierte Beziehung zu seiner Familie. Er blieb nicht bei seinen Eltern und sorgte für die Familie, wie sich das für den ältesten Sohn gehörte, sondern zog weg vom Heimatort und von seiner Sippe.Jesu Lebensstil ohne feste Heimat provozierte Konflikte mit seinen Verwandten. Sie versuchten, ihn zurückzuhalten und erklärten ihn für verrückt. Diese Spannung wurde von Jesus selber auch genährt, wenn er seine NachfolgerInnen zum Beispiel aufforderte, ihre Familie zu verlassen.
Familie, das ist für einen wie Jesus, der auf Gott vertraut und dessen Willen tut, unabhängig von Blutsverwandtschaft. Trotzdem gehören einige seiner Verwandten zu den ersten Christen.

1.7 Ausbildung, Beruf
Als erster Sohn einer frommen jüdischen Familie lernte Jesus den Beruf seines Vaters. Josef war Bauhandwerker (nicht Zimmermann!), also wohl im Haus- und Schiffbau tätig. Als Junge musste Jesus vermutlich beim Broterwerb für die Familie helfen. Dass er selbst dieses Handwerk ausübte, ist jedoch nicht belegt. So wie Jesus die Heilige Schrift kannte, muss man davon ausgehen, dass er eine Toraschule besuchte. Auch seine Art der Bibelauslegung legt dies nahe, und er wird immer wieder als „Rabbi“ (Lehrer) angeredet. In der neueren Jesusforschung gilt Jesus als Wanderprediger, der einem „charismatischen Milieu“ im damaligen Galiläa einzuordnen ist und dessen Lebensstil im Urchristentum weitergeführt worden ist.

2. Jesu Wirken: Das Reich Gottes in Worten und Taten


2.1 Das Reich Gottes: Hier und Jetzt
Das Reich Gottes ist Vertrauen ist Freiheit
Im Zentrum von Jesu Leben steht das „Reich Gottes“, und Jesus zeigte mit seinem eigenen Handeln, was damit gemeint ist: Das Reich Gottes bezieht sich grundlegend nicht auf einen Ort oder eine Zeit nach dem Tod, sondern meint das Hier und Jetzt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“.
Für Viele ist das noch heute eine unerhörte Frechheit, so etwas zu behaupten.
„Reich Gottes“ ist eine Lebensweise, in der man aus dem Vertrauen zu Gott lebt. Dieses Vertrauen macht es möglich, so zu handeln, dass es den einzelnen Menschen und so der Gesellschaft dient (weil Privat und Politisch im jüdischen Denken untrennbar zusammengehört, siehe unten „Jesus und die Politik“). 
Das Reich Gottes ist eine ständige Provokation für die „Gesetze der Welt“, wenn es dort nur noch um Macht und äusseren Gewinn geht.  Deshalb wird Jesus auch heute noch gern als Revolutionär gezeichnet. 

Der Rand ist die Mitte
Daraus ergibt sich vieles von ganz alleine, zum Beispiel, dass Jesus den Aussenseitern der Gesellschaft besonders viel Zuwendung zeigte. Frauen, Kinder, Bedürftige, Bettler, Schwerkranke, Behinderte, aber auch „unmoralische Bankdirektoren“ (Zöllner) und „Un-gläubige“: Jesus hatte keine Berührungsängste und begegnete ihnen als wertvolle Menschen.
Zur Zeit Jesu litten die Juden unter Ausbeutung, steuerlichen Abgaben für Rom und den Tempel, täglicher römischer Militärgewalt, Schuldversklavung, Hunger, Epidemien und sozialer Entwurzelung. Wenn Jesus sein Auftreten als Erfüllung der prophetischen Verheissungen darstellt, geht das immer mit Hinweisen auf die Armen und Bedürftigen einher.

Das Reich Gottes: die Provokation für die Mächtigen
Aus der Radikalität, wie Jesus das „Reich Gottes“ lebt und einfordert, ergibt sich aber auch die Ablehnung durch grosse Teile der Gesellschaft: so frei wie Jesus „darf“ man sich in der Gesellschaft nicht verhalten. So frei wie Jesus „darf“ man Traditionen und Machtverhältnisse nicht hinterfragen: das gehört sich einfach nicht, das „darf“ nicht sein. 
In dieser ablehnenden Haltung zeigt sich auch, was Reich Gottes eben nicht ist….

2.2 Wunder: „Dein Glaube hat Dich gerettet“
Alle kennen die vielen Wunder, die über Jesus berichtet werden, und damals wie heute spalten die Meinungen darüber die Menschen:
Für die einen sind diese Wunder der Beweis, dass die Geschichten über Jesus erstunken und erlogen sind und also getrost ins Reich der Phantasie verbannt werden können. Für die Anderen sind gerade diese Wunder der Beweis dafür, dass Jesus Gott ist. 
Die Heilungstexte lassen auf damals unheilbare Krankheiten wie Lepra, Grauen Star, Taubstummheit, Epilepsie und Schizophrenie schließen. Solche Kranke galten als „von unreinen Geistern besessen“. Man vermied Umgang und Berührung mit ihnen, verstieß sie oft aus bewohnten Orten und brachte sie damit in Todesgefahr. 
Die Heilungen geschehen auf verschiedene Weisen, etwa durch Nähe und Berührung, durch Handauflegen oder Speichel. Meistens sind es einfache gesprochene Befehle und Gesten, die die Heilung bewirken und die Dämonen austreiben. 
Die Jesus-Forschung geht davon aus, dass zumindest Exorzismus- und Therapietexte einen historischen Kern haben. Viele Wundertexte wurden dann im Urchristentum nach volkstümlichen und nachösterlichen Motiven gestaltet und ergänzt. 
Zur Zeit Jesu waren Wunderheiler keine Seltenheit. Doch nur bei Jesus ist bekannt, dass er die Heilwirkung dem Glauben der Geheilten zugesprochen hat („Dein Glaube hat dich gerettet“) und den Glauben der Geheilten als Zeichen einer umfassenden Glaubenshoffnung verstanden hat. 
Bei Jesus steht die physische „medizinische Gesundung“ stets in Zusammenhang mit einer inneren Heilung des Lebens. Körper, Geist und Seele sind eine Einheit, und eine heilende Begegnung mit Jesus betrifft immer den gesamten Menschen.
Deshalb, wenn Jesus Menschen „heilt“, wird nicht „nur“ der Körper gesund, sondern Leben wird „heil“.

2.3 Bibel-Auslegung 

Jesus, der Rabbiner
Jesus legt die jüdische Bibel, also das „Erste Testament“, wie ein Rabbiner aus. Dementsprechend betonen die Evangelien, dass Jesus die jüdischen Gebote nicht über den Haufen werfen, sondern mit neuem Sinn erfüllen will.
Ob Jesus selbst das so sah, ist umstritten. Einige Gebote verschärfte er, andere entschärfte er, wieder andere relativierte er so, dass sie im Urchristentum teilweise aufgehoben wurden. Dies wird heute aber nicht mehr als Kontrast zum Judentum, sondern als innerjüdisch mögliche Toradeutung aufgefasst. 
Sicherlich war Jesus jemand, der spannend und packend erzählen konnte - bei ihm ist wohl niemand aus Langeweile eingeschlafen...
Wie andere Rabbiner auch stellt Jesus die Nächstenliebe auf die gleiche Stufe wie die Gottesliebe und hält sie wichtiger als alle anderen Gebote. 
Für Jesus ist klar: Menschen brauchen Gesetze zum Leben. Aber die Gesetze sind immer und ausschliesslich dafür da, den Menschen zu dienen (für sein persönliches Wohlbefinden, für ein gelingendes Zusammenleben, für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur, in und von der er lebt). 
Wo Gesetze und Regeln sich verselbständigen, wo ihre Bedeutung für das alltägliche Leben nicht nachvollzogen werden kann, wehrt sich Jesus mit aller Vehemenz dagegen. 

Erste Zielgruppe: Die Menschen am Rand
Jesus sah sich zu denen ausgesandt, die wegen der Missachtung der Gebote als Sünder und Unreine galten und daher verachtet wurden, seien es nun Arme, Prostituierte oder Zöllner (heute wären das wohl Kredithaie). In Jesu Bibelauslegung (speziell in der „Bergpredigt“, die als Zentrum von Jesu Reden gilt) spiegelt sich eine Gesellschaft, die von Hunger, Ausbeutung und Gewalt bedroht ist. Konfrontation, die Gewalt und Gegengewalt hervorruft, ist für Jesus das Hindernis für das Reich Gottes auf der Erde: Nur die Unterbrechung der Gewaltspirale kann diese Herrschaft des „Bösen“ beenden und das Reich Gottes herbeirufen. 

2.4 Jesus und die Politik

Das Private ist politisch
Für Juden ist Religion und Politik nicht trennbar. Alles was man tut und vertritt, ist irgendwie „politisch“. Diese Haltung dürfte auch für Jesus zutreffen. Auch wenn Jesus nicht „direkt“ politisch handelte, so wurden seine Lebensweise und seine Anliegen sehr wohl als klarer Angriff auf die herrschende Politik der Mächtige verstanden. 

Jesu ärgster Feind: die missbrauchte religiöse Macht
Seine grossen Gegner waren übrigens nicht die Pharisäer: mit ihnen stritt er sich zwar immer wieder, aber in ihrer Haltung waren sie Jesus sehr nahe, und sie spielten beim Prozess gegen Jesus keine Rolle. Die grossen Gegner Jesu waren die Sadduzäer. Sie missbrauchten ihre hohe religiöse Stellung, und ihre grössten drei Sorgen waren die Befolgung der Opferriten, die Eintreibung der Tempelsteuer und die Bewahrung der eigenen Macht. Wenn Jesus auch Opfer nicht direkt ablehnte, stellte er sie wie alle Gesetze klar unter die Nächstenliebe. Indem er selber im Tempel lehrte, erkannte er den Tempel als wichtigen religiösen Ort. Alle vier Evangelien berichten davon, als Jesus im Tempel von Jerusalem ausrastete und die Händler vertrieb. Dies musste auf die mächtigen Sadduzäer als Drohung wirken.

3. Jesu Sterben und Auferstehung


3.1 Der Prozess gegen Jesus 
Ob die Römer oder die Sadduzäer Jesus verhaften liessen, ist umstritten. Aber beide hatten ein Interesse daran, Jesus zu beseitigen. Die Römer als Besatzungsmacht wollten jede mögliche politische Unruhe verhindern, gleich wie die Sadduzäer, deren Einfluss auch damit zu tun hatte, dass sie mit der Besatzungsmacht der Römer zusammenarbeiteten, um sich Privilegien zu sichern. 


3.2 Die Kreuzigung – die grosse Erniedrigung
Nach allen Evangelien verurteilte Pilatus Jesus als „König der Juden“ zum Tod am Kreuz. Die Kreuzigung galt als besonders grausame und erniedrigende Hinrichtungsmethode und war im römischen Kaiserreich für Aufständische, entlaufene Sklaven und Einwohner ohne römisches Bürgerrecht üblich. Sie sollte die untergebenen Völker demütigen und von der Teilnahme an Aufruhr abschrecken. Den Juden galt sie als Fluch. 
Der Todeskampf konnte je nach Ausführung tagelang dauern, bis der Gehängte verdurstete oder an seinem eigenen Körpergewicht erstickte. Jesus starb jedoch bereits am selben Tag. 

 3.3 Jesus lebt!
Ostern, was man darüber wirklich weiss
„Wissenschaftlich“ ging Ostern so: In den Tagen nach Jesu Tod waren die Freundinnen und Freunde von Jesus erschüttert, und sie hatten Todesangst. Sogar seine treuesten Anhänger waren nicht bei ihm, als Jesus starb, aus purer Angst. Nur Frauen liessen Jesus am Kreuz nicht alleine. 
Und dann, nur einige Wochen später, erleben wir eine hochmotivierte Gruppe von Jüngerinnen und Jüngern, die voller Energie von ihrem Glauben an Jesus als „Retter der Welt“ erzählen, mit einer Kraft, die sich ausbreitet wie ein Virus, bis an den Rand der Welt. Was war da bloss geschehen? 


Ostern: Glauben ist Vertrauen
Die Bibel ist klar, und die Antwort ist bis heute der Kernpunkt des christlichen Glaubens: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt!“ Was immer das bedeutet – keine Botschaft in der Geschichte der Menschheit hatte eine ähnlich grosse Sprengkraft!
Wie das zu verstehen ist, ist zuletzt weniger eine Frage, was wirklich geschah, sondern was das für jeden einzelnen Menschen bedeutet. Die Christen verkünden bis heute: Jesus ist auferstanden, das heisst: das Leben ist stärker als der Tod. Gott ist mehr, als man sieht. Es gibt eine Wirklichkeit, die liegt jenseits des „normalen“, wie wir die Welt und die Menschen immer wieder erleben und verstehen.
Das ist die Sprengkraft des Glaubens: die Wirklichkeit als real zu nehmen, aber nicht daran zu verzweifeln, sondern aus dem Vertrauen zu leben: „es gibt noch mehr, als was man sieht.“

Ostern – Leben durchbricht Leblosigkeit ganz real!
Nach Ostern ist Jesus „mehr“ als „nur“ ein Mensch – er ist „auferstanden“ und damit kein normaler Mensch mehr. Die Erfahrung, dass Jesus nicht tot bleibt, ist für seine FreundInnen die definitive Bestätigung: Jesus ist der „Messias“, der „Gesalbte“ – das bedeutet „Christus“. 

Wenn wir von Jesus reden, blicken wir auf den Juden, der in Palästina gelebt hat; doch auch im Leben hat sich Jesus als „Heiland“ erwiesen, schimmert also Christus durch.
Reden wir von Christus, blicken wir auf die göttliche Seite, auf die Bedeutung für uns heute 2000 Jahre später; aber auch hier können wir den „Messias“ nicht einfach lösen vom realen Jesus. 
Die Evangelisten, die alle Jesus nicht persönlich gekannt haben, schreiben ihre Geschichten durch diese Oster-Brille. Sie schreiben „good news“ (das bedeutet das griechische Wort „eu-angelion“), sie schreiben keine Biographie.

So sind die Evangelien Berichte über Jesus, dem Christus. Der Glaube, dass Jesus der Messias ist, durchwirkt die Evangelien, wie wenn man gepresste Orangen in einen Krug Wasser gibt und kräftig umrührt: das Wasser leuchtet hell und warm, und es ist unmöglich, Orangensaft und Wasser voneinander zu trennen – doch was für ein Energieschub gibt dieser Mix! 
Und so schliesst sich der Kreis: Wir lesen Geschichten über Christus, wenn wir Geschichten von Jesus lesen. Wir lesen Geschichten, die unseren Glauben stärken und herausfordern wollen, keine historische Biographie.
Und die Wahrheit der Bibel liegt nicht darin, ob alles historisch so war oder nicht. Die Wahrheit liegt darin, was Jesus der Christus für mich in meinem Leben bedeutet. Die Wahrheit liegt darin, dass dieser Jesus mir an sich zeigen will, wer ich eigentlich bin: ein geliebtes Kind Gottes, hineingestellt in diese ebenso schöne wie schreckliche Welt, eingeladen und herausgefordert zu leben, was er gelebt hat. 

Bei dieser Wahrheit geht es „ums Eingemachte“. Wenn es mir immer wieder gelingt, diese Einladung und Herausforderung anzunehmen, dann kann ich immer wieder wirklich glücklich sein. 


Thierry Moosbrugger


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